Was ist eigentlich ein Trauma?

Entgegen herkömmlichen Begriffserklärungen, die Trauma als ein überwältigendes Ereignis mit katastrophalen Ausmaßen beschreiben, verstehen Forscherinnen und Forscher der Psychoneurobiologie den Begriff heute als eine tiefgreifende Stressreaktion, die das Nervensystem überwältigt und dessen Funktionsweise nachhaltig verändert.

Die Energie, die zur Bewältigung einer bedrohlichen Situation mobilisiert wurde, aber mangels vollendeter Überlebensstrategie wie Kampf oder Flucht nicht genutzt werden konnte, bleibt im Körper „stecken“. Sie zeigt sich als Schmerz, Spannungszustand, Unruhe, Erschöpfung, Angst, Erregung oder in weiteren Symptomen.

Was hat das Gehirn damit zu tun?

Die Amygdala, das Alarmzentrum

Sie prüft in Bruchteilen von Sekunden, ob Gefahr droht, noch bevor du bewusst denken kannst.

Der Hippocampus, der Zeitwächter

Er ordnet Erinnerungen ein und versieht sie mit einem Datum.

Der präfrontale Kortex, das Denkzentrum

Er kann abwägen, einordnen, beruhigen und Entscheidungen treffen.

Bei einer Bedrohung passiert Folgendes: Die Amygdala schlägt Alarm, Stresshormone wie Adrenalin werden ausgeschüttet, und der präfrontale Kortex wird vorübergehend heruntergefahren. Herzschlag, Atmung und Muskelspannung steigen. Das ist keine Panne, sondern eine hochentwickelte Überlebensmaschine.

Kampf, Flucht, Erstarren

Dein Nervensystem hat mehrere Möglichkeiten, auf Bedrohung zu reagieren. Kampf, Flucht und Erstarren sind die bekannten Reaktionen. Manche Fachleute ergänzen als vierte das Appeasement, das „Sich-Anpassen“.

Erstarren

Erstarrung setzt ein, wenn Kämpfen oder Fliehen aussichtslos erscheint. Der Körper drosselt dann seine Aktivität auf ein Minimum. Du fühlst dich vielleicht taub, weit weg, leer oder wie gelähmt. Es ist eine Schutzreaktion, die bei großer Ohnmacht das Überleben sichern und die Empfindungen dämpfen kann.

Sich anpassen

Manche Fachleute bezeichnen das Sich-Anpassen als „Appeasement“. Dabei versucht der Körper, eine Bedrohung durch Anpassung, Beschwichtigung oder Unterordnung zu entschärfen.

Warum der Körper weiter Alarm schlägt, wenn die Gefahr vorbei ist

Wenn etwas sehr Überwältigendes geschieht, kann der Hippocampus seine Arbeit zeitweise nicht vollständig erledigen. Die Verbindung zum rationalen Gehirn wird geschwächt. Die Erfahrung wird dann nicht als vergangene Erinnerung abgespeichert, sondern bleibt im Nervensystem wie eine gegenwärtige Bedrohung wirksam.

Bestimmte Reize können die Amygdala dann sofort aktivieren. Das kann ein Geruch, ein Tonfall, ein Blick, ein Datum oder eine Berührung sein. Dein Körper reagiert blitzartig mit Herzrasen, Panik, Erstarrung oder Wut, obwohl das eigentliche Ereignis lange vorbei ist.

Außerhalb des Toleranzfensters

Das Toleranzfenster beschreibt den Bereich, in dem du zugleich fühlen, denken und handeln kannst. Infolge belastender Ereignisse kann das Nervensystem diesen Bereich nach oben oder nach unten verlassen.

Übererregung

Für Übererregung sind innere Unruhe, Angst, Reizbarkeit, Gedankenkreisen oder Schlaflosigkeit typisch.

Untererregung

Untererregung kann sich als Erschöpfung, Taubheit, Leere oder Abspaltung zeigen. Viele Menschen mit Traumaerfahrungen pendeln zwischen diesen Zuständen hin und her.

Und jetzt?

Das Gehirn verändert sich ein Leben lang und passt sich an. Diese Fähigkeit nennt man Neuroplastizität. Was durch Erfahrung geprägt wurde, kann durch neue Erfahrungen auch wieder verändert werden.

Genau hier setzen körperorientierte, traumasensible Ansätze an. Der Weg führt oft nicht zuerst über das Reden und Erinnern, sondern über den Körper und das Nervensystem. Dazu gehören sicheres Spüren, Atmen, Bewegung, Beziehung und das Üben von Gegenwärtigkeit.

Ziel ist es, dem Gehirn zu vermitteln, dass die Gefahr vorbei ist. Dann kann der Zeitwächter seine Arbeit nachholen, und die Amygdala kann sich beruhigen.

Diese Informationen ersetzen keine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung. Bei starken oder anhaltenden Beschwerden empfiehlt sich eine fachliche Abklärung.

© 2026 Lucie Boysen